“Stimmt so!” Ist Trinkgeld in der Gastro noch zeitgemäß?

Ganz gleich ob Restaurant, Taxi oder Lieferdienst – das Trinkgeld ist bei vielen Dienstleistungen nicht mehr wegzudenken. Wie sieht es in Deutschland und Europa aus? Und ist das Trinkgeld noch zeitgemäß?

Photo by Emil Widlund on Unsplash

Bremen ist Spitzenreiter, das titelte jüngst eine Studie der Sprachplattform Preply, zumindest was die Großzügigkeit des Trinkgelds angeht. Angestellte in der Gastronomie können sich in Bremen über durchschnittlich 9,8 Prozent Trinkgeld freuen. Mit etwas Abstand folgt München mit 8,94 Prozent auf Platz zwei. Die Studie zeigt aber auch: Außerordentlich spendabel sind die Deutschen offenbar nicht, sind fünf bis zehn Prozent Trinkgeld – je nach Zufriedenheit mit dem Service – doch eigentlich üblich.

 

Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Relativ üppig ist das Trinkgeld in Deutschland allerdings im Vergleich mit den Nachbarländern: In Liechtenstein sind beispielsweise nur drei bis fünf Prozent Trinkgeld fällig. In vielen skandinavischen Ländern ist es in Restaurants oder Hotels eher unüblich oder bereits in einer Service Charge enthalten. Gerade in den Tourismusregionen rund ums Mittelmeer ist das Trinkgeld für Angestellte in der Gastro, Taxifahrerinnen und -fahrer sowie Hotelpersonal jedoch wesentlich, um auf einen angemessenen Lohn zu kommen.

Bei der Höhe des erwarteten Trinkgeld liegen die USA mit bis zu 20 Prozent vorn. Wer damit nicht rechnet und die Summen aus Deutschland gewohnt ist, kann hier schnell in ein Fettnäpfchen treten. Ganz anders in Ostasien: In Japan etwa wird ein guter Service als selbstverständlich erachtet, in manchen Restaurants könnte ein Obolus sogar als Beleidigung aufgefasst werden. Vor dem Restaurantbesuch im Urlaub sollte deshalb auf alle Fälle eine kleine Recherche zu den Gepflogenheiten im Reiseland gemacht werden.

 

Woher kommt das Trinkgeld?

Schon im Mittelalter war das Trinkgeld in den meisten europäischen Ländern üblich. Im Benimm-Klassiker „Über den Umgang mit Menschen“ von Adolph Freiherr von Knigge taucht der Begriff bereits 1788 auf. Dem Wagenmeister solle ein gutes Trinkgeld gegeben werden, rät Knigge, mit dem auf das Wohl des Spenders oder der Spenderin getrunken wird. Doch so alt wie das Trinkgeld selbst sind auch die Diskussionen über die Rechtmäßigkeit und die Ethik dahinter.

Tatsächlich wurde das Trinkgeld in einigen Ländern wie zeitweise in den USA oder aktuell in China aus unterschiedlichen Gründen verboten. In Deutschland gipfelte der Protest um 1900 in der Gründung der bürgerlichen „Anti-Trinkgeld-Liga“. Bis hinein in die Zeit der Weimarer Republik wurde mit einer Reihe von Gesetzesinitiativen, die sich jedoch allesamt als unwirksam erwiesen, Stimmung gegen das Trinkgeld gemacht.

 

Gründe gegen das Trinkgeld

Damals sahen Kritikerinnen und Kritiker des Trinkgeld darin ein Symbol für Entfremdung und Entmenschlichung der Arbeit, indem Arbeitende von der Gunst der Spenderinnen und Spender abhängig gemacht wurden. Das ist heute, da in der Gastronomie flächendeckend der Mindestlohn gezahlt wird, selbstredend nicht mehr der Fall. Doch für Beschäftigte ist der Extra-Lohn weiterhin eine Entschädigung für familienunfreundliche Arbeitszeiten und anstrengende Jobs. Das sehen auch die meisten Gäste ein: Laut einer Studie von Jägermeister geben 92 Prozent der Restaurantgäste an, Trinkgeld zu geben. Doch Kritik an der Gepflogenheit gibt es noch heute.

Zum einen ist es für Angestellte aus anderen Dienstleistungsbranchen mit ähnlichen Löhnen nicht nachvollziehbar, warum sie kein Trinkgeld erhalten. Angestellte des öffentlichen Dienstes dürfen es, um der Gefahr von Bestechung vorzubeugen, gar nicht erst annehmen. Ein Taxifahrer darf sich also über eine Zuwendung freuen, eine Busfahrerin nicht. Genauso ungerecht ist es, wenn die Bedienung ihren Lohn aufbessern kann, das Küchenpersonal zu gleichem Lohn jedoch nicht. Da das Trinkgeld nirgends vertraglich festgehalten ist, kommt es unweigerlich immer wieder zu Ungerechtigkeiten.

 

Ist Trinkgeld diskriminierend?

Doch die Kritik führt noch weiter: Mehrere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass die Höhe des Trinkgelds von der Attraktivität und der Hautfarbe der Bedienung abhängt. Attraktive weiße Frauen bekamen im Schnitt das meiste Trinkgeld. Das liege auch daran, dass ältere, weiße Männer am meisten Trinkgeld geben, was mit dem höheren Einkommensniveau zusammenhängen könnte, vermuten die Studien. Kritikerinnen und Kritiker warnen in dem Zuge vor einem Machtgefälle, das zu sexualisierter Übergriffigkeit oder zu Diskriminierung verleite.

 

Ist das Trinkgeld noch zeitgemäß?

Der Mindestlohn in der Gastronomie hat einen Großteil der Kritik am Trinkgeld verstummen lassen. Angestellte sind nicht mehr zwingend von der Großzügigkeit der Gäste abhängig, sondern können ihren Lohn bestenfalls aufbessern. Gastronominnen und Gastronomen können den Lohn und die Preise theoretisch besser kalkulieren. Und die Gäste können sich sicher sein, dass sie nicht für die gerechte Entlohnung der Angestellten verantwortlich sind – insbesondere da bei vielen Gästen das Trinkgeld seit der Coronapandemie und der Inflation nicht mehr ganz so üppig ausfällt.

Bei allen Gründen, die gegen das Trinkgeld sprechen, hält es sich seit Jahrhunderten hartnäckig und ist so schnell auch nicht aus der Gastronomie wegzudenken. Im Umkehrschluss haben Versuche nämlich gezeigt, dass in Betrieben, in denen ausdrücklich kein Trinkgeld erwünscht und auch nicht angenommen wurde, die Gäste sogar unzufrieden waren. Das zeigt: Menschen sind es gewohnt und geben gerne Trinkgeld. Wie es unter den Angestellten gerechter aufgeteilt werden kann, liegt letzten Endes im Ermessen des Arbeitgebers.

Autor: Luca Pot D'or

Luca arbeitet als Texter und Redakteur sowie nebenbei auch als Fotograf. Mit Notizbuch und Kamera bewaffnet entdeckt und probiert er kulinarische Trends – am liebsten auf Reisen und direkt vom Teller. www.lucapotdor.com

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